„Wie schön wärs jetzt beim Zahnarzt!“

Wie man einen dreitägigen Geburts-Marathon durchsteht

„Wenn ich erfahren würde, dass ich schwanger bin, würde ich direkt einen Termin machen, wann das Baby rausgeschnitten wird“, sagte Moderatorin Ina Müller in ihrer Sendung „Inas Nacht“. Ich lag auf der Couch und schaffte es gerade so, über die Kugel zu lugen, die mein Bauch war. Drinnen vollführte gerade ein kleiner Mensch eine Ballett-Chorographie. Ich war im gefühlten 10. Monat schwanger, schon einige Tage über dem errechneten Geburtstermin und wartete darauf, dass es endlich losging. „Was babbelt die denn da für einen Blödsinn?“ fragte ich mich, denn ich wünschte mir nur eins: eine natürliche Geburt. Nun, ich sollte mich noch an Ina Müllers Spruch erinnern.

Ein paar Nächte später wachte ich von einem Plopp-Geräusch auf. Gleich darauf durchzog meinen Bauch ein dumpfer, durchdringender Schmerz. „Oh mein Gott, jetzt geht es los, so fühlen sich also echte Wehen an“, dachte ich halb erleichtert, halb nervös. Ich weckte meinen Mann und wir fuhren ins Krankenhaus, wo ich an den Wehenschreiber kam. Doch die Hebamme verkündete: „Da geht noch nichts. Sie können wieder nach Hause fahren.“ Das wollte ich eigentlich gar nicht hören, ich wollte endlich mein Baby haben.

Wir fuhren nach Hause und legten uns wieder „schlafen“. Ich dachte an die Nächte, als ich noch im Schichtdienst arbeitete und um 3 Uhr mitten in der Nacht für die Frühschicht aufstehen musste. Als ich mich Stunde um Stunde schlaflos und schwitzend in den Laken gewälzt und verzweifelt auf die Uhr gestarrt hatte. Das Ganze immer von Albträumen vom Zuspätkommen durchzogen, so lange, bis es 3 Uhr war und Zeit, um sich fertig zu machen. Jetzt sehnte ich mich nach so einer Nacht! Sie war die reinste Erholung gegenüber dieser, die aus Eindösen, Schmerzen und wieder Aufwachen bestand, bis es endlich Morgen war. Da dachte ich nur noch ein eines: eine erlösende PDA. Ich weckte meinen Mann und wir fuhren wieder ins Krankenhaus, wo ich sofort rief: „Ich will eine PDA!“ Aber die Hebamme zuckte nur mit den Achseln. „Dazu ist es jetzt noch viel zu früh.“

Eine Bekannte hatte mal erzählt, der Geburtsschmerz sei der zweitschlimmste gleich hinter dem Verbrennen. Ich dachte an Sätze aus dem Schwangeren-Yoga wie „Der Schmerz ist dein Freund“. Aber irgendwie schaffte ich es nicht, mit ihm Freundschaft zu schließen. Da fiel mir eine Yoga-Übung ein: Tief einatmen und auf ein lautes „AAAAAAA“ wieder ausatmen. Das hatten wir immer wieder geübt. Es sollte entlasten und gleichzeitig den Muttermund öffnen. Also begann ich, den gesamten Kreißsaal mit meinem Mantra zu unterhalten, als die Hebamme hereinkam und mir befahl, in die Badewanne zu steigen. „Nein, ich will nicht! Ich will nur eine PDA!“ „Das geht jetzt nicht und das Wasser ist schon drin. Ich helfe Ihnen beim Ausziehen.“ Oh nein – Widerstand zwecklos. Gehorsam stieg ich ins heiße Wasser. Erstaunt stellte ich fest, dass ich etwas entspannen konnte, weil der Schmerz nachließ. Allerdings ging es nach dem Wannenbad direkt wieder los. Da schlich sich zum ersten Mal ganz leise der Gedanke an den Spruch von Ina Müller ein. Ich verdrängte den Gedanken gleich wieder. Für die Nacht bekam ich Wehenhemmer und konnte tatsächlich schlafen.

Am nächsten Tag entdeckte ich den Gymnastikball für mich. Wenn ich darauf kreiste, ließ sich der Schmerz eine Zeitlang überlisten. Auch das AAAAA-Mantra half mir weiter. Abends wurde es dann wieder schlimmer. Ich legte mich ins Bett und versuchte, still vor mich hin zu leiden. Mein Mann hatte sich inzwischen mit einem Kebab gestärkt. Ich wollte ihn nach Hause schicken, aber er baute sich aus Stühlen ein Bett und blieb bei mir – zum Glück! Um 2 Uhr nachts kamen wir dann wieder in den Kreißsaal. „Jetzt ist der Muttermund vier Zentimeter offen, die Geburt beginnt“. In meine Freude mischte sich ein seltsames Gefühl, bis mich die Erkenntnis wie ein Blitz traf: „Wie, die letzten 48 Stunden waren etwa keine Geburt?!?“ fragte ich. „Nein, das war nur Vorgeplänkel“ entgegnete die Hebamme fröhlich. Ich schluckte. All die Wehen sollten umsonst gewesen sein? Meine Gedanken wanderten wieder zu Ina Müller und ihrem Spruch, der vielleicht gar nicht so blöd war. Und dann dachte ich noch was, von dem ich niemals gedacht hatte, dass ich es jemals denken würde: „Wie schön wäre es jetzt beim Zahnarzt!“ Normalerweise habe ich vor dem eine richtige Phobie, so dass ich einmal vier Jahre lang keine Vorsorgeuntersuchung machen ließ, aus Angst, er könnte bohren wollen. Wenn ich genauer darüber nachdachte, war der Schmerz beim Zahnarzt zwar heftig, aber dann irgendwann auch wieder vorbei. Und vor allem war er nur am Zahn und nicht noch im Bauch, Rücken, Becken, Oberschenkeln und den Kniekehlen!

„Ich schätze mal, so acht bis neun Stunden könnte es noch dauern, bis das Baby da ist“, riss mich die Hebamme aus meinen Gedanken. Acht Stunden?? Da ich schon 48 hinter mir hatte, würde ich die auch noch schaffen. Ich würde einfach die Zähne zusammenbeißen (anders als beim Zahnarzt, ha, ha!) „Und nachher kommen die Anästhesisten für die PDA“, fügte die Hebamme hinzu. Endlich, die Erlösung nahte! Vor einer PDA hatte ich immer etwas Angst gehabt, weil ja in den Rücken gestochen wird und wer weiß, ob das nicht auch höllisch wehtut. Tat es aber nicht. Die PDA breitete sich wohlig in meinem Körper aus und nahm den Wehen die Schärfe.

Im Gegensatz zu mir ging es meinem Baby zum Glück die ganze Zeit gut. Sein kleines Herz hüpfte, es hatte es schön warm und gemütlich – und dachte in den folgenden Stunden nicht im Traum daran, seine schöne Einzimmerwohnung mit Kost und Logis aufzugeben. Mein Mann war bei der ganzen Prozedur tapfer dabei, trug meine Handtasche, rief mal zu Hause an und reichte mir morgens um 7 Uhr auf Verlangen einen Apfel, weil ich einen pelzartigen Geschmack im Mund hatte. Nach einem Bissen hatte ich aber schon keinen Hunger mehr, der Geschmack wurde noch schlimmer. Die PDA kam kaum noch gegen den Schmerz an, der sich jetzt wieder an die Oberfläche kämpfte. Als mein Mann mir tröstend die Hand auf die Schultern legen wollte, schrie ich auf. Ich hatte das Gefühl, ein Radlader drückt mich nieder.

Um zehn Uhr kam schließlich der Arzt. „Das geht aber nicht richtig voran“, sagte er. Der Gedanke an Ina Müller wurde übermächtig. Ich musste mir die Hand vor den Mund halten, um nicht zu schreien: „Dann schneiden sie das Baby raus!“ Brav befolgte ich seine Anweisungen, presste, krabbelte auf allen Vieren, zog mich an einem Seil nach oben. Aber auch durch diese Verrenkungen und Bestechungsversuche ließ sich mein Baby nicht animieren, den Weg nach draußen anzutreten. Ein paar Stunden später kam wieder der Arzt. „Also jetzt haben wir einen Geburtsstillstand. Wir machen einen Kaiserschnitt.“ Mir sank das Herz in die Kniekehlen – einerseits vor Angst und Enttäuschung, andererseits aber vor Freude und Erleichterung. Bald würde ich endlich mein kleines Baby in den Armen halten, nach dem ich mich so gesehnt hatte.
Mit diesen gemischten Gefühlen ging es in den OP. Auch mein Mann durfte im grünen Kittel mit. Das gab mir Sicherheit. Weil ich ja schon eine PDA hatte, mussten die Anästhesisten das Schmerzmittel nur noch verstärken. Als ich betäubt und ein Sichtschutz aufgebaut war, merkte ich, wie es ruckelte und zuckelte. Ich lauschte voll Erwartung hinter die Tuchwand und da, endlich, endlich, hörte ich es: Ein kräftiger kleiner Schrei erfüllte den Raum! Das war unser Baby! Ich war ganz gerührt, als ich zum ersten Mal ihre Stimme hörte. Dann kam die Hebamme zu uns und legte den kleinen, noch verschmierten Menschen neben mich und meinen Mann. „Wow, sie ist genauso hübsch, wie ich sie mir vorgestellt habe“, war mein erster Gedanke. Sie sah tatsächlich genauso aus wie auf dem 3D-Ultraschall, den wir einige Wochen vorher hatten machen lassen. Freude, Glück und Erleichterung durchfluteten mich und auch meinen Mann. „Herzlich willkommen bei Mama und Papa, kleine Mima!“ flüsterten wir mit feuchten Augen. Alles war überstanden, Baby und Mama gesund – das größte Geschenk von allen!

Der Rest ist im Nachhinein egal. Und heute, genau ein Jahr nach dem Geburtsmarathon, bin ich froh, dass es uns gut geht, wir keine Schmerzen haben und meine kleine, große Mima schon ihren ersten Geburtstag feiert 🙂 Sollte Mima irgendwann einmal ein Geschwisterchen bekommen, werde ich vielleicht direkt Ina Müllers Ratschlag befolgen.

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Ein Gedanke zu „„Wie schön wärs jetzt beim Zahnarzt!“

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